Super Bowl 53 überraschte nicht unbedingt, was den Sieger angeht – der Weg dorthin, insbesondere mit der defensiven Dominanz der Patriots, war in diesem Maße genauso spektakulär wie überraschend. Welche Säulen trugen die Pats-Defense? Was bedeutet das für die Zukunft von Jared Goff? Und wie groß ist der Anteil von Rams-Coach Sean McVay? In seiner letzten Kolumne für die Saison 2018 analysiert SPOX-Redakteur die Nachwehen des Super Bowls.

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Super Bowl 53: Wie die Patriots die Rams stoppten

Die nun schon häufig zitierte Aussage von Rams-Coach Sean McVay nach dem Spiel war genauso ehrlich wie für jeden offensichtlich: “Ich habe es nie geschafft, uns offensiv in einen Rhythmus zu bringen. Ich wurde heute ausgecoacht.”

Der Game Plan der Patriots-Defense ist das zentrale Thema nach dem Super Bowl – in Kombination mit der Tatsache, dass die Rams keinen Plan B parat hatten. New England knüpfte an die erfolgreichen defensiven Ansätze der Lions, Bears und Eagles an und kombinierte das mit den eigenen Stärken, um einen Game Plan zu entwerfen, der für den punktärmsten Super Bowl aller Zeiten sorgte – gegen eine der besten Offenses der letzten Jahre.

Und nicht nur das: Es war der Super Bowl mit den wenigsten Punkten des Gewinner-Teams, den wenigsten kombinierten Touchdowns, den wenigsten Touchdowns durch ein Team – die Rams blieben bekanntermaßen ohne Trip in die Endzone – sowie den meisten Punts im Super Bowl in Folge durch die Rams (8).

Doch wie gelang das den Patriots? Wo setzte New England genau an, und worauf fanden die Rams keine Antwort? Das Super-Bowl-Tape zeigt klare Tendenzen – Tendenzen, die aus Rams-Sicht langsam aber sicher besorgniserregend werden.

Die (Fake-)Pressure-Pakete der Patriots

Als er nach dem Spiel auf den defensiven Game Plan angesprochen wurde, war Defensive Lineman Lawrence Guy kurz und präzise: “Goff unter Druck setzen und ihr Run Game stoppen.”

Und das wurde auch überdeutlich. Die Patriots blitzten Goff bei 20 seiner 42 Dropbacks, eine enorme Quote. New England war schon seit einer Weile ein Blitz-intensives Team, das war auch im Championship Game in Kansas City deutlich geworden. Gegen die Rams packten Belichick und Flores nochmals eine Schippe drauf.

Patriots Blitzing seit der Bye Week

Spieltag 12 13 14 15 16 17 DIV CCG SB
Gegner NYJ MIN MIA PIT BUF NYJ LAC KC LAR
Blitz/Dropbacks (Prozent) 24/50 (48) 17/46 (36,9) 12/23 (52,1) 10/36 (27,8) 12/43 (27,9) 13/33 (39,4) 10/53 (18,8) 16/36 (44) 20/42 (47,6)

Und zunächst ist festzuhalten: Es wirkte. New England setzte Goff insgesamt 18 Mal unter Druck, dagegen brachte er ganze vier Pässe für 3,4 Yards pro Pass und eine Interception an, außerdem steckte Goff vier Sacks ein. Horrende Zahlen auch für Goff, der schon die ganze Saison über konstante Probleme mit Pressure hatte.

Dass New England hier ansetzen würde, kann die Rams unmöglich überrascht haben; und auch in ihren Blitz- und Pressure-Paketen selbst zeigten die Pats das, was sie schon die ganze Saison über spielen.

Die Patriots sind herausragend darin, Druck über die Play-Designs zu kreieren. Es ist ein zentraler Grund dafür, dass Belichick eher in die Secondary als in Pass-Rusher investiert – Spieler, die in Eins-gegen-Eins-Coverage standhalten können, haben für ihn mehr Wert, da diese Qualität schwer über das Scheme zu kreieren ist. Pass-Rush dagegen kann man sehr wohl ohne Khalil Mack oder J.J. Watt kreieren und der Super Bowl war ein weiterer Reminder dafür.

New England schafft es vor allem auf zwei Arten, Druck über das Scheme zu erzeugen: durch angetäuschte Rusher sowie durch Stunts in der Defensive Line.

Unter einem Stunt versteht man Pass-Rush-Kombinationen, bei denen entweder zwei Spieler ihre Gaps nach dem Snap tauschen – also beispielsweise der in der Mitte postierte Defensive Tackle nach außen zieht, und der außen postierte Defensive End innen attackiert -, oder aber ein Verteidiger um den anderen herum zieht. New England setzte dieses Mittel im Super Bowl nahe an der Perfektion ein.

Laut Pro Football Focus spielten die Pats am Sonntagabend 18 Stunts – drei ihrer vier Sacks kamen so zustande, Goff verzeichnete 5,2 Yards pro Passversuch. Ohne Stunt? Ein Sack, 7,1 Yards pro Pass.

Ein solcher ist im Bild oben zu sehen, die Linebacker Van Noy und Hightower trafen sich beim Quarterback zum Sack und beendeten den Rams-Drive so. Die beiden sind ohnehin ein Schlüssel zu den Pressure-Paketen der Patriots: Beide haben je über 250 Pass-Rush- und jeweils über 300 Coverage-Snaps. Sie sind die Spieler, mit denen die Patriots vor allem ihre Mismatches und Pressure-Fakes kreieren.

Und genau ein solcher angetäuschter Rush war bei diesen Third-Down-Sack spät im zweiten Viertel zu beobachten. Van Noy und Hightower laufen dabei zunächst auf die Offensive Line zu. Das zwingt die Protection dazu, sie beide als Rusher zu behandeln. Als Van Noy und Hightower merken, dass sie einen direkten Gegenspieler haben, lassen sie sich stattdessen in Coverage zurückfallen.

Das Ergebnis: Statt eines 5-Men-Rushs attackieren nur drei Spieler die Offensive Line wirklich, doch die angetäuschten Rusher lassen zwei Offensive Linemen beschäftigungslos zurück. Die Pats erzwingen also einen 3-gegen-3-Rush, ohne fünf Mann für den Pass-Rush abstellen zu müssen. Stattdessen lassen sich beide Linebacker in Coverage zurückfallen und New England hat plötzlich sechs Spieler in der Underneath-Coverage. Ehe Goff das lesen und neu verarbeiten kann, hat er auch schon einen 14-Yard-Sack eingesteckt.

Die verhängnisvolle Interception

Und auch die entscheidende Interception spät im Spiel, als L.A. das erste und einzige Mal einen wirklichen offensiven Rhythmus mit den sonst so Rams-typischen Big Plays bei First Down gefunden hatte, lässt sich auf Pressure zurückführen.

Die Patriots spielen hier auf den ersten Blick einen All-Out-Blitz, also Eins-gegen-Eins-Coverage ohne Safety-Hilfe und der Rest attackiert den Quarterback. New England ergänzt das aber durch ein kleines Element: Van Noy in der Mitte der Defensive Line täuscht seinen Rush nur an und lässt sich stattdessen in die kurze Zone zurückfallen, um Goff den schnellen Pass über die Mitte zu nehmen. Goff hätte hier andernfalls eine Chance auf die kurze Slant-Route gehabt, dieser Schachzug der Pats war enorm wichtig.

Der entscheidende Rush findet stattdessen auf der rechten Seite der Offensive Line statt. Der Interior Lineman schiebt den Right Guard ins Zentrum, wodurch das von den Patriots gewollte 3-gegen-2-Duell entsteht: Der Edge-Rusher attackiert den Right Tackle, und in die sich so bildende Lücke zwischen Guard und Tackle schießen zwei Defensive Backs. Gurley kann nur einen davon übernehmen, so dass Goff überhastet werfen muss. Der kurze Checkdown wird von Van Noy verhindert, der tiefe Verzweiflungswurf landet bei Gilmore.

Das waren zwei zentrale Aspekte: die angetäuschten Rusher, genau wie das permanente Umstellen der Coverages kurz vor und nach dem Snap. Es ist kein Geheimnis, dass McVay die Kommunikation mit Goff nutzt, um ihm an der Line of Scrimmage beim Lesen der Defense zu helfen. Deshalb nutzen die Rams mehr No-Huddle als irgendein anderes Team – sie kommen so schneller an die Line of Scrimmage, wodurch McVay mehr Zeit hat, die Defense zu lesen, ehe 15 Sekunden vor dem Snap die Kommunikation abgestellt wird.

New Englands Secondary: Das finale Meisterstück

Im Super Bowl gelang das L.A. einerseits nicht, auch weil sie – warum auch immer – weniger No-Huddle spielten; andererseits taten die Patriots aber auch ihr Möglichstes, um sich noch kurzfristig umzustellen und Goff andauernd nach dem Snap andere Looks zu bieten, als davor. “Wir wussten, dass wir eine Chance hätten, wenn wir viel umstellen”, brachte es Safety Devin McCourty auf den Punkt.

Die Folgen daraus waren enorm: New Englands Sacks nämlich gingen zwar einerseits auf die Stunts zurück, andererseits aber auch maßgeblich auf die permanenten Umstellungen in der Secondary. Bei den Sacks kam der Druck auf Goff im Schnitt nach 2,85 Sekunden – eine Ewigkeit, Aaron Rodgers führte die Liga in dieser Saison mit durchschnittlich 2,72 Sekunden bis zum Pressure durch die Defense an.

Goff also hielt den Ball viel zu lange in der Pocket, weil er kaum einmal einen klaren Read erhielt. Und das hing eng mit einer Patriots-Umstellung zusammen, die ich in der Taktik-Preview in Aussicht gestellt hatte: Cover-4.

New England ging als das Man-Coverage-lastigste Team der Liga in den Super Bowl, mit der bevorzugten Variante Cover-1. Die kam auch im Super Bowl noch reichlich zum Einsatz, etwa bei diesem, erneut durch Stunts erreichten, Sack bei First Down kurz vor der Halbzeitpause. Cover-1 heißt schlicht, dass Man Coverage gespielt wird, mit einem tiefen Safety und einem Underneath-Zone-Verteidiger. Beide nutzen die Pats auch, um etwa Receiver oder Tight Ends zu doppeln oder eben um zu blitzen.

Doch war vor dem Spiel klar, dass es für New England schwer werden könnte, wenn Cover-1 auch ihr bevorzugter Ansatz im Super Bowl sein würde. Die Rams waren hiergegen in der Saison bislang sehr stark, unter anderem weil Jared Goff so klar definierte Reads bekam. Cover-4 dagegen – also vier Defensive Backs, die sich den mitteltiefen und tiefen Bereich des Feldes aufteilen – war so etwas wie Kryptonit der Rams-Offense. 4,2 Adjusted Yards pro Pass hatten die Rams gegen dieser Coverage verzeichnet, gegen keine andere waren sie anfälliger.

Die Pats auf der anderen Seite aber hatten keine der Standard-Coverages seltener gespielt als Cover-4, ganze 22 Mal war das bis zum Super Bowl laut Sports Info Solutions der Fall. Und im Super Bowl packte New England genau diese Coverage aus. “Wir hatten vermutet, dass wir einige neue Dinge sehen würden. Cover-4 war so eine neue Sache, zumindest was die Patriots angeht”, gab Rams-Center John Sullivan anschließend zu.

Rund 60 Prozent Zone Coverage spielte New England laut ESPN Stats am Sonntag, eine 180-Grad-Drehung zu dem, was der frisch gebackene Champion sonst macht. Es brachte Goff aus dem Konzept und zerstörte das tiefe Play Action Game sowie all die tiefen Crossing-Routes, beides elementare Säulen in der Rams-Offense. Es war vielleicht der größte Schlüssel zum Sieg.

Goff warf in die Mitte des Feldes in der 10+ Yard Range überhaupt nur sieben Pässe (vier Completions) für 69 Yards; die tiefen Crossing-Routes waren schlicht nicht da.

So kam L.A. quasi überhaupt nicht ins vertikale Passspiel – Goff hatte keine Completion bei Pässen die 20 Yards oder weiter flogen -, hatte kaum explosive Plays bei First Down und konnte gegen die von den Pats häufiger eingesetzte 6-1-4-Defense (sechs Spieler an der Line of Scrimmage, ein Linebacker, vier Defensive Backs dahinter) auch sein Outside Zone Game überhaupt nicht aufziehen.

Angetäuschte Rusher, kreative Pass-Rush-Pakete, späte Umstellungen in der Secondary und ein eindrucksvolles Umstellen einer Man-Defense in eine Zone-Defense waren die Schlüssel für das unglaublich dominante Spiel der Patriots-Defense im Super Bowl, in dem der MVP-Titel eigentlich Belichicks Game Plan zugestanden hätte.

Was die Spieler auf dem Feld angeht bleibe ich dabei, dass ich den Award Stephon Gilmore gegeben hätte, der Brandin Cooks in Man Coverage übernahm und bei neun (!) Targets nur 48 Receiving-Yards zuließ, einen Pass-Breakup sowie die entscheidende Interception verzeichnete und vor allem aus den Man-Coverage-Konzepten heraus wieder einmal ein zentraler Grund dafür war, dass die Pats so aggressiv ihr Blitzing betreiben konnten.



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