Tight Ends im Draft sind eine der schwierigeren Positionen. Viele Erstrunden-Picks sind hier über die letzten Jahre den Erwartungen nicht gerecht geworden, Tight Ends brauchen meist auch mit am längsten, um den Sprung vom College in die NFL zu schaffen. Doch die diesjährige Klasse hat spannende Prospects zu bieten, und es ist mehr als denkbar, dass mehrere Tight Ends in der ersten Runde gewählt werden. Dabei sticht einer allerdings klar heraus.

Die breite Spitzen-Qualität dieser Klasse ist der Receiving Tight End, also der Spielertyp Jordan Reed/Jimmy Graham. Mit dieser Art Tight End kann man immensen Erfolg haben und in gewisser Weise passt es auch in die heutige NFL mit dem Fokus auf das Passing Game. Doch was Rob Gronkowski aber so spektakulär und einzigartig auf der Position in diesem Jahrzehnt machte, ist seine Vielseitigkeit.

Gronk ist nicht der explosivste Receiver und nach dem Catch wäre er niemals etwa an Jordan Reed ran gekommen. Aber er ist mit seiner Physis gewissermaßen ein “natürliches” Mismatch und war auch darüber hinaus ein gefährlicher Receiver, auf den Defenses schlicht keine Antworten hatten. Zu groß für die meisten Safetys, zu schnell für die meisten Linebacker; nur selten hatten Teams mit entweder sehr großen, physischen Cornerbacks oder Safetys – Eric Berry etwa – wirklich Erfolg.

Gronk war darüber hinaus über die Jahre aber auch ein Elite-Blocker, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere in dieser Disziplin ein sechster Offensive Lineman war. Kein anderer Tight End, der als Receiver auch nur in die Nähe von Gronkowski kommt, konnte Haloti Ngata oder Ndamukong Suh Eins-gegen-Eins blocken.

Und das ist der große Wert der Position. Einen – überspitzt gesagt – zwei Meter großen Wide Receiver zu haben, der die Athletik besitzt, um gegen Zone Coverage die Seams und gegen Man Safetys zu attackieren, hat ohne Frage einen Wert. Doch wirklich von Elite-Tight-Ends sprechen wir, wenn die Vielseitigkeit dazu kommt und der Tight End der Defense tatsächlich keinen Hinweis darauf gibt, ob ein Run oder ein Pass gespielt wird.

Dieser Spielertyp ist selten, sehr selten – und in den Spread-Offenses im College wird der Receiving-Fokus auf der Position immer wichtiger. Die Chance also, einen Tight End zu bekommen, der beides schon wirklich gut beherrscht, ist gering. In dieser Klasse gibt es ihn.

Draft: Tight Ends – einige Namen für den Hinterkopf

Die Top-4-Kandidaten und insbesondere drei der vier Namen sind relativ klar definiert, und mutmaßlich decken sie grob die Top-60-Picks ab. Aber auch dahinter gibt es einige spannende Prospects, die man sich für den Hinterkopf merken kann:

  • Caleb Wilson, UCLA: Hat eine interessante Football-Vergangenheit, Wilson war einst ein Quarterback und Receiver – und so spielt er die Position auch. Wilson ist ein Receiving-TE mit tollen Händen und Fähigkeiten nach dem Catch, der die Klasse gemeinsam mit Alabamas Irv Smith in puncto Yards nach dem Catch anführt. Was ihm fehlt sind Agilität, Balance und Beschleunigung, er ist definitiv kein Blocker und insgesamt ist er einfach noch sehr roh auf der Position. Könnte primär als Intermediate-Receiver in der NFL eine Rolle finden.
  • Kahale Warring, San Diego State: Hat nur eine minimale Football-Vergangenheit, aber als Projekt sehr spannend. Größe, Athletik, Speed – er bringt erst einmal alles mit, und trotz seiner Unerfahrenheit ist er bereits ein überraschend guter Blocker und zeigt Fähigkeiten als Route Runner; insgesamt ein überraschendes Prospect. Warring hat die Beschleunigung, um sich von Linebackern und auch Safetys zu lösen, er gewinnt Contested Catches und ist gefährlich nach dem Catch. In meinen Augen das interessanteste Tight-End-Prospect für die Mid-Rounds.
  • Dawson Knox, Ole Miss: Hatte in der Ole-Miss-Offense neben den drei starken Wide Receivern nur eine sehr untergeordnete Rolle und kam letztes Jahr auf lediglich 15 Catches. Dennoch zeigen die, dass hier Potential ist. Nicht nur, weil Knox herausragende 18,9 Yards pro Catch verzeichnete, sondern weil er explosiv, weil er gute Hände hat und, weil mit seiner Athletik noch mehr drin sein sollte. Außerdem ist Knox bereits ein sehr guter Blocker, hier schlummert also das Potential für einen All-Around-TE.

Draft 2019: Tight End Ranking

4. Irv Smith, Alabama

NFL-Vergleich: Tendenziell Richtung Benjamin Watson. Ein solider Tight End.

Rundenempfehlung: 2.-3. Runde.

Stärken:

  • Smith ist ein guter Receiver. Er arbeitet gut durch seine Routes, er zeigt die Fähigkeit zu engen Cuts und sein Release ist vergleichsweise schnell. Dabei hat er auch die Physis, um Routes durch Kontakt zu laufen. Dass Irv Smith die TE-Klasse in puncto Yards pro gelaufene Route gemeinsam mit Caleb Wilson anführt (2,56 YPRR), ist kein Zufall.
  • Als Blocker zeigt er ebenfalls gute Anlagen. Hat eine gute Base und einen tiefen Schwerpunkt als Blocker, insbesondere aus dem Backfield sieht er als Blocker sehr stabil aus und scheint in seinen Bewegungen und mit seiner Technik zu wissen, was er tut. Wurde sehr häufig als In-Line-Blocker eingesetzt.
  • Smith hat die Geschwindigkeit, um Defenses vertikal zu attackieren.

Schwächen:

  • Smith ist – und das ist auch in diesem Jahr ein Thema der Tight-End-Klasse – generell einfach noch roh. Als Route Runner zeigt er die Fähigkeit, sich von Gegenspielern zu lösen, ist dabei aber noch genauso inkonstant wie bei Blocks im Raum. Außerdem treten Drops auf seinem Tape immer wieder auf.
  • Seine Cuts sind nicht explosiv und er wird für die NFL insgesamt noch mehr Power brauchen, um ein All-Around-TE zu werden.
  • Irv Smith ist, gerade wen man es mit den anderen Tight Ends in der Spitzengruppe vergleicht, nicht der Über-Athlet. Er ist etwas kleiner und kompakter und auch etwas weniger explosiv. Er kann in der NFL ein solider Tight End werden, aber das Potential zu einem dominanten Receiver sehe ich bei ihm am geringsten aus dem Spitzenquartett.

3. Jace Sternberger, Texas A&M

NFL-Vergleich: Hat etwas von George Kittle, auch wenn er nicht dessen Long Speed erreicht.

Rundenempfehlung: Späte 2./frühe 3. Runde.

Stärken:

  • Hat herausragende Hände. Sternberger fängt den Ball konstant mühelos weg vom Körper, er fängt abgefälschte Pässe, er sichert Contested Catches – kurzum: Sternberger fängt so ziemlich alles.
  • Diese Eigenschaft sieht man im Underneath Game sowie bei kurzen Out-Routes – aber man sieht sie auch im Downfield Passing Game. Sternberger ist auf die ersten Schritte explosiv und auffällig agil, seine Hüften bewegen sich schnell und dadurch kann er sich in seiner Route von Gegenspielern lösen. Auch gute Cuts sieht man auf Tape.
  • Die Folge: 7 Receptions über mindestens 20 Yards (Platz 1 in der diesjährigen TE-Klasse) und 190 Deep Receiving Yards (Platz 3), sowie 2,01 Yards pro gelaufener Route (Platz 8). Sternberger hat die Athletik und die Hände, um ein sehr gefährlicher Receiver auch in der NFL zu werden.

Schwächen:

  • Insbesondere als Route Runner steht er noch am Anfang seiner Entwicklung. Sternberger muss noch ein besseres Gefühl für seine Routes und für die Coverage bekommen, um zu merken, wo er die Defense attackieren kann und wie er seine Routes laufen muss. Es kam einige Male vor, dass er gegen Zone Coverage etwa in die Reichweite des tiefen Safetys lief, statt weg davon.
  • In puncto Power ist noch viel Luft nach oben. Als Blocker ist er bestenfalls funktional, er kann Verteidiger an der Line of Scrimmage nicht bewegen und ist als Blocker auch auf dem Second Level zu inkonstant.
  • Außerdem ist Sternberger bei aller Explosivität kein Speedster. Seine Geschwindigkeit ist okay, aber nicht herausragend. Das unterscheidet ihn etwa von Noah Fant.
  • Nur ein Jahr mit Elite-Production. Sternberger war zwei Jahre lang in Kansas – und ging nach insgesamt einem Catch für fünf Yards. Er ist noch roh und er ist noch unerfahren, und das sieht man in der Summe.

2. Noah Fant, Iowa

NFL-Vergleich: Jordan Reed.

Rundenempfehlung: Späte 1./frühe 2. Runde.

Stärken:

  • Ein toller Receiver und ein spektakulärer Athlet. Fant ist schnell, er ist explosiv und er ist auch als Route Runner schon relativ weit.
  • Bei Iowa lief er einen vergleichsweise ausgeprägten Route Tree, er versteht, wie er sich Separation verschaffen kann, er kann Jump Balls sichern, er ist schnell vom Snap weg und er zeigt gute Balance und insgesamt sehr gute Körperkontrolle.
  • Kurzum: Noah Fant ist als Receiver schon ein ziemlich komplettes Paket. Er wurde Outside eingesetzt und könnte in der NFL die Y-ISO-Rolle – also die Formation, in welcher der Tight End isoliert auf einer Seite steht – spielen, aber er ist auch eine exzellente Big-Slot-Waffe.
  • Fant ist der moderne Tight End. Ein dynamischer Pass-Catcher, der Mismatches kreieren und (oft) gewinnen kann und auch nach dem Catch noch Schaden anrichtet.

Schwächen:

  • Was Fant nicht ist, ist ein Blocker. Der Einsatz ist zwar da, aber man sieht, dass er nicht die Power mitbringt, um hier wirklich ein Faktor zu sein. Generell ist er nicht der physischste Tight End, auch in seinen Routes ist das teilweise zu sehen – einige Gegenspieler konnten ihn aus dem geplanten Laufweg bringen.
  • Dazu kommen Drops, die bei Fant einfach immer wieder über seine ganze College-Karriere auftraten. Die Drop Rate letztes Jahr (9,3 Prozent) war ebenfalls deutlich zu hoch.

1. T.J. Hockenson, Iowa

NFL-Vergleich: Travis Kelce.

Rundenempfehlung: Top-15-Pick.

Stärken:

  • Hockenson ist der kompletteste Tight End, und auch wenn Fant und potenziell auch Sternberger die besseren Receiver sind – Hockenson bringt genau das mit, was ich eingangs über die Position geschrieben hatte. Er wurde einerseits als (vertikaler) Receiver eingesetzt, ist gleichzeitig aber auch ein wirklich beachtlich guter Blocker.
  • Wie gewinnt Hockenson? Er gewinnt mit effizienten Routes und mit guter Agilität für seine Größe. Fant ist der athletischere der beiden Iowa-Spieler, doch kann Hockenson wenn nötig auch mit Athletik gewinnen. Er nimmt in seiner Route sichtbar Geschwindigkeit auf, er findet immer wieder Räume und kann sich von Gegenspielern lösen.
  • Darüber hinaus hat er extrem gute Hände. Das bestätigt eine extrem niedrige Drop-Quote von nur 2 Prozent – zum Vergleich: Fant (9,3 Prozent) und Sternberger (5,7) stehen da deutlich drüber -, aber auch das Tape zeigt es. Hockenson hat sehr weiche Hände und fängt den Ball sehr natürlich, außerdem zeigt er spektakuläre Catches weg vom Körper und unter Bedrängnis.
  • Als Blocker wurde er In-Line und als Lead-Blocker aus dem Backfield eingesetzt, dabei arbeitet er gut mit seinen Händen und sobald er am Gegenspieler dran ist, kann er einen Block auch auffällig lange halten.
  • 2,21 Yards pro gelaufener Route sind mehr als Fant oder Sternberger, 15,2 Yards pro Catch stechen seinen College-Teamkollegen ebenfalls aus. Tight Ends mit dem Potential, in der NFL auch echte Tight Ends zu sein, kommen selten in den Draft; Hockenson ist ein solcher Spieler.

Schwächen:

  • So sehr man bei Hockenson das Blocking auch loben sollte – ausgereift ist es noch nicht. Speed-Rusher bereiteten ihm mehrfach Probleme, gelegentlich ist er auch etwas übereifrig und macht einen vorschnellen Schritt in die falsche Richtung. Manchmal sieht man auch, wie er den Kopf zu schnell runter nimmt und dann seinen Block verfehlt.
  • Hier wird Hockenson noch an seiner Technik arbeiten müssen und er muss in der NFL noch Muskelmasse drauf packen.
  • Sein Route-Running ist wie gesagt effizient, aber in puncto Athletik und Agilität kommt er nicht an die beiden Kollegen auf dem Treppchen ran. Hockensons Cuts sind weder sonderlich scharf oder explosiv, teilweise wirkt er da etwas behäbig.

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